Die Magie der Roten Zelte, ein Erfahrungsbericht

Text: Sarah Wasgien, Mitgründerin des Risingwomentribes  Foto:  Larissa Faber

Text: Sarah Wasgien, Mitgründerin des Risingwomentribes

Foto: Larissa Faber

Über zehn Frauen sitzen gemeinsam im Kreis, auf roten Decken, Kissen und wärmenden Schafsfellen. Ihre Kleidung duftet nach dem aromatischen Rauch mit dem sie vor der Hütte abgeräuchert wurden. In ihrer Mitte ein Altar mit brennenden Kerzen, Muscheln, einem Labyrinth, einer großen roten Schote und einem Anhänger dessen Form keinen Zweifel am Zusammenhang mit einer Vulva zuläßt. Die Frauen reichen sich die Hände, spüren die Wärme in den Handflächen der anderen, schließen die Augen und singen gemeinsam ein Mantra, einen Chant der sie verbindet, erdet, zentriert. Eine der Frauen ergreift die Göttinnenfigur welche gleich ihre Runde machen wird und beginnt zu erzählen. Über sich, ihre Herkunft, ihre Träume, ihre Ängste, vielleicht berichtet sie darüber was sie hergeführt hat, welchen Bezug sie zur Orakelkarte spürt, welche sie zu Beginn des Zeltes gezogen hat. Sie darf über alles sprechen und um Rat fragen, wenn sie es möchte.

Es ist ein Sonntagnachmittag, wie jeden Monat haben wir uns versammelt um gemeinsam mit anderen Frauen, im Kreis von Schwestern unsere Weiblichkeit und unser Frau sein zu zelebrieren, zu ehren, zu feiern, zu würdigen. Es soll ein uralter Brauch sein, dass Frauen sich treffen, um gemeinsam heilige Zeit zu verbringen. Früher nannte man sie Mondhütten, Treffpunkte an denen zumeist gemeinsam menstruiert  wurde, Geschichten erzählt, Lust und Leid ausgetauscht wurden. In Anita Diamant gleichnamigen Roman liest man erstmals von einem Roten Zelt. Einem Ort für Frauen an dem sie sich gegenseitig unterstützen und halten, in denen Geschichten erzählt werden, menstruiert wird, Kinder entbunden werden.

Ein bisschen Geschichte

Bei uns entbindet natürlich niemand sein Kind, aber über die Geburten der eigenen Kinder zu sprechen ist eines von unzähligen Themen über welche die Frauen sprechen können. In den 60er und 70er Jahren soll es in Amerika die ersten Frauenkreise solcher Art gegeben haben, Vorläufer der heutigen Roten Zelte und anderer Frauenzirkel die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Orte, die Frauen einen geschützten, sicheren und annehmenden Ort bieten, um über all das zu berichten, was tabuisiert und verboten ist. Gewaltsame Erfahrungen unter der Geburt, Probleme mit den eigenen Kindern, dem Partner, in der Sexualität. Mit Erscheinen des Romans von Anita Diamant entsteht ein Name für diese Orte und die Bewegung der Roten Zelt beginnt sich auszubreiten. Von Amerika schwappt sie herüber nach Europa und auch in Deutschland ist sie längst angekommen.

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Weiblichkeit ehren ohne Männlichkeit herabzusetzen

Die Prämisse eines jeden Zeltes lautet: Jede Frau wird so angenommen, wie sie ist. Hier darf sie ihre Masken ablegen, aus den Rollen die sie im Alltag spielt heraus schlüpfen und darf mit ehrlicher, ungeschönter Zunge sprechen. Es geht darum was sie wirklich braucht und will. Es gibt keine Tabus, kein zu viel oder zu wenig. Themen wie Probleme mit dem eigenen Körper, dem eigenen Zyklus, dem Frau sein an sich haben ihren Platz, genauso wie Gespräche über Sex, Gesellschaft, familiäre Erlebnisse oder Partnerschaft. Immer wieder zeigt sich, dass es Frauen untereinander schnell leichter fällt sich ganz zu öffnen und auch über frauenspezifische Dinge zu sprechen. Es geht um ein zelebrieren unseres Frau Seins, ohne dies zu erhöhen oder zu denken es wäre besser oder mehr wert als Männlichkeit. Männer sind anders, Frauen auch.

Frauen beschenken einander

Neben Redekreisen und vielen Gesprächen gibt es immer auch Speisen und Trank, gemeinsam sorgen wir für unser leibliches Wohl. Manche Zelte haben Überthemen wie zum Beispiel das Wellnesszelt in dem es weniger ums Sprechen, dafür umso mehr um körperliche Berührung, Entspannung und Erholung geht. Wir singen, tanzen, manchmal basteln wir, meditieren gemeinsam, machen kleine Vision Walks oder Yoga. Oft bringen Frauen ungeplant kleine Geschenke für ihre Schwestern mit in Form besonderer Gaben und Talente. Sie bemalen ihre Schwestern mit Henna Tattoos, spielen für uns Kristallklangschalen, bieten eine Reikidusche an, entzünden mit uns gemeinsam ein Agni Hotra oder verschenken kleine Kettenanhämger mit in duftendem Öl getränkter Watte.

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Stutenbissigkeit und Konkurrenzdenken hinter uns lassen

Frauen erleben untereinander oft ein Gefühl der Unsicherheit, der Angst und der Konkurrenz. Fühlen wir uns bedroht von unserem Gegenüber, neigen wir dazu und gegenseitig auszuspielen, feindselig oder hinterhältig zu sein. Immer wieder begegnen uns Frauen, die verblüfft über dieses Gefühl sind, sich im Kreise anderer Frauen angenommen, akzeptiert, verstanden, geliebt, unterstützt und gewertschätzt zu fühlen. Manche berichten, mit anderen Frauen eigentlich nie klar gekommen zu sein, sie als kompliziert, anstrengend und falsch erlebt zu haben und sich daher immer unter Männern bewegt zu haben. Erstmals genießen sie diese Form der Auszeit und des Kraft tankens unter Gleichgesinnten.

 

Wenn du neugierig geworden bist und auch gerne einmal ein Rotes Zelt besuchen willst:

Rising Women Tribe: Veranstaltet regelmäßig Rote Zelte in Breckerfeld & ist im Juni 2019 mit einem mobilen Roten Zelt auf der Waldhealing verteten.

Rote Zelt Finder: Ein Verzeichnis weiterer Roter Zelte im deutschsprachigen Raum.

Über SArah Wasgien

Sarah ist eine absolute Wildwoman! Sie ist Mama von einem Kind und hat das Buch “Detox your life - Loslassen und entrümpeln in allen Lebensbereichen. Befreit leben, glücklich sein.” (Christian Verlag GmbH, 2018) geschrieben. Mit der Gründung von Risingwomentribe folgt sie ihrem Herzenthema und organisiert u.a. Rote Zelte für Frauen.

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